Sinnfragen in der neuen Welt
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Der folgende Bericht gibt zwar nur die Zeit bis Mitte der vergangenen Woche wieder, aber ich komme gar nicht mehr mit. Eigentlich koennte ich mittlerweile noch viel mehr schreiben, aber das hebe ich mir daher fuer den naechsten Bericht auf.
Kanada, meine Wahlheimat fuer 3 Wochen. Das zweitgroesste Land der Erde. Unendliche Waldbestaende und riesige Seen. Eine Vielzahl von Tieren, wilde Fluesse und so weit das Auge reicht unberuehrte Natur.
So, oder so aehnlich stellen sich viele Kanada vor. Und moeglicherweise ist das auch in einem grossen Teil des Landes so. Hier in Toronto habe ich allerdings von alledem nur wenig.
Um dennoch ein bisschen Naur, einen kanadischen Baeren, einen Elch oder was sonst noch hier so rumkreucht zu finden bin ich dann mal in den Zoo (der angeblich 4-groesste der Welt) gegangen.

Einige Tiere scheinen es den Umstaenden entsprechend ganz gut zu haben. Wie die Bueffel, die Wildpferde oder Zebras denen ein grosses Auslaufgehege zugebilligt wird. Allerdings sind auch genuegend Tiere alleine in ihren Kaefigen untergebracht und schauen einem dann gelangweilt und traege in die Augen.
Ich habe mich gefragt, ob Vegetarier (also die, die der Tierliebe wegen auf den Fleischkonsum verzichten) in den Zoo gehen duerfen? Oder ob es nicht fuer die meisten der Tiere angenehmer waere gegessen zu werden.
Auch wenn die wenigen noch existierenden Wildpferde nur noch in Zoos leben: Ist denen das Fortbestehen ihrer Rasse so wichtig oder dem Menschen, der ja zu einem grossen Teil fuer das Aussterben verantwortlich ist? Und: in weit kann man hier ueberhaupt noch von Wildpferden sprechen, die moeglicherweise seit Generationen in Gefangenschaft leben?
Nun denn, nach einem ausgiebigen Spaziergang zwischen den Kontinenten habe ich Tiger, Gorillas, Enten, Woelfe, Adler, Biber, Robben, Baeren, Fuechse, Giraffen, Schlangen, Fische, Flusspferde, Schimpansen, Loewen, Seepferdchen und vieles mehr gesehen.
Tja, da kommt man einmal nach Kanada und erlebt gleich die ganze (wilde) Welt.
Waehrend ich also durch den Zoo schlenderte und mir die wunderbare domestizierte Vielfalt der weiten Welt anschaute hoerte ich ein Rascheln im Gebuesch. Stets auf der Hut vor wilden Tieren, hier im weiten Kanada, blieb ich geraeuschlos stehen. Und da war es wieder. Irgendwo im Wald raschelte es. Die Aeste zitterten und vorsichtig holte ich meine Kamera aus der Tasche.
Und da erfasste mein erforschender Blick das wilde Tier: Ein Streifenhoernchen. Und da war noch eines. Da dachte ich mir die beiden kenne ich doch.
Und tatsaechlich: Sie sind bekannt als Walt Disneys A- und B-Hoernchen oder fuer die juengerer als Chip und Chap beziehunsgweise im englischsprachrigen Raum als Chip & Dale.
Allerdings waren die schneller als mein Objektiv und entkamen daher meinem Ansinnen, diesen Moment fotografisch festhalten zu wollen. Schade.
Eine Weile spaeter begegnete ich ihnen (oder waren es Doubles?) dann nochmal. Doch auch diesmal entkamen sie meiner Linse.
Das waren dann wohl die einzigen nennenswerten wilden Tiere, denen ich im Zoo begegnet bin. Aber umsomehr wilde Tiere erlebt man dafuer in der Stadt. Vorzugsweise in den vielen Parkanlagen, wie zum Beispiel dem Queenspark, den ich mir fuer einen Spaziergang aussuchte, oder in den Vorgaerten.
Waehrend es in Deutschland noch etwas besonderes ist ein Eichhoernchen zu sehen, ist man hier schon darauf gefasst. Da huepft eines, da spielen ein paar, da klettern sie, da fressen welche.
Eine Vielzahl der zumeist dunkelbraunen (aber es gibt auch schwarze oder graue, unsere heimischen goldfarbenen sind mir noch nicht begegnet) Baumbewohner ist hier zu finden. Und die lassen sich auch leichter fotografieren. Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht so prominent sind?
Wem man hier angeblich auch des oefteren begegenet, sind Waschbaeren die wohl mit besonderer Vorliebe die Muelleimer ausrauben und nach Nahrungsmitteln durchstoebern. Mir ist allerdings noch keiner begegnet. Entweder gehe ich einfach die falschen Wege oder ich habe nicht den erforderlichen Jaegerblick. Moeglicherweise liegt es aber auch daran, dass der Waschbaer, nach seiner Rolle in Walt Disneys Pocahontas, sich einfach etwas aus der Oeffentlichkeit zurueckgezogen hat. Aber das ist bloss eine Therorie.
Wie man an meinen Berichten vielleicht sieht, komme ich viel rum. Nun gibt es hier auch viel zu tun und die Zeit ist knapp. Umberto Eco hat mal gesagt „Für mich ist Toronto die Stadt, in der man zu Fuß gehen sollte.“ Und das stimmt. Hier gibt es einfach so viel zu sehen was man sonst beim schnellen Vorbeifahren uebersehen wuerde. Was er allerdings vergessen hat zu sagen, ist dass man Wanderstiefel mitbringen sollte (die ich natuerlich nicht dabei habe).
Soviel gelaufen wie hier, bin ich wohl in den letzten Jahren nicht. Wahrscheinlich war in den letzten 2 Wochen kaum ein Tag an dem ich unter 3-4 Kilometer gelaufen bin, dafuer an anderen ein vielfaches davon... fuer manch einen mag das vielleicht wenig klingen, aber fuer einen Staedter ist das schon viel. Die Leute hier laufen sowieso fast gar nicht. Zumindestens sind die Gehwege meistens leer, die Busse und Bahnen dafuer um so mehr.
Und da mir nach so vielem Laufen auch mal die Fuesse schwer wurden und es mittlerweile Sonntag war, ging (!) ich hier in die Kirche. Wie ich zuvor gesehen habe ist etwa 15 Gehminuten von meinem "Zuhause" entfernt die "Bethany Baptist Church", die mein Ziel werden sollte. Schon bevor ich da war, fand ich gut, dass der Gottesdienst hier erst um 11 Uhr anfaengt. Das kam mir entgegegen.
Apropos entgegen: Nachdem ich also losging und lief und lief und lief und lief stellte ich fest, dass ich dies in die falsche Richtung tat. Mittlerweile war es dann 10.50 und ich lief zurueck um dann in die richtige Richtung meinen Weg fortzusetzen.
Mit ca. 15 Minuten Verspaetung (einer mir durchaus vertrauten Zeit) kam ich also an und wurde schon draussen von einem netten, dunkelhaeutigen Herrn (darf man das so sagen?) begruesst. So ist das: Die Spaetkommer sind eine in sich verschworene und verstehende Gemeinschaft die meist zusammenhaelt. Zumindestens solange es nicht um die letzten freien Plaetze oder das letzte Stueck Kuchen geht.
Hier gab es jedoch keinen Kuchen und es waren auch noch genuegend Plaetze frei. Wie nicht anders zu erwarten hatte der Gottesdienst schon begonnen. Vorne stand ein kleiner 10-Frau-Chor, dessen Durchschnittsalter ich auf ca. 60 schaetzen wuerde. Zudem standen noch ein paar Frauen vorne die mitsangen und im Gegensatz zu dem Chor manchmal auch die Melodie trafen. Begleitet wurde das ganze von Klavier und Schlagzeug. Also in diesem (letzten) Punkt sehr aehnlich dem Gottesdienst in den ich normalerweise gehe. Nur, dass der Alex hier schwarz ist.
Anschliessend wurde eine Kollekte eingesammelt.
Der Pastor predigte danach sehr gut ueber 1. Mose (Genesis), 32, 23-33. Ich war erstaunt wie viel ich verstand und das ich der Predigt inhaltlich folgen konnte. Ich hatte mich naemlich bereist auf eine grosse Sprachverwirrung eingestellt wie einst in Babel (und manchmal auf noch heute...), die aber gluecklicherweise ausblieb.
In diesem Text kaempft ein Engel gegen Jakob (oder andersherum) bis Jakob um Gottes Segen bittet und ihn dann auch erhaelt.
Zentrale Fragen in der Predigt waren, wann man das letzte mal um etwas mit Gott wirklich gerungen hat und wie wichtig einem dabei Gottes Meinung und dessen Segen ist.
Nach der Predigt gab es ein Abendmahl und es gab noch eine Kollekte. Wenn ich das richtig verstanden habe, diesmal wohl fuer einen anderen Zweck. Allerdings habe ich nicht verstanden fuer welchen.
Was fuer das deutsche Auge etwas befremdlich wirkte war ein aufgebauter Soldatenhelm und der Spruch "Lest we forget" ("Damit wir nicht vergessen") vor dem Altar. 
Am 11. November ist (bzw. war) hier naemlich der Remembrance Day (Tag der Erinnerung an das Ende des 1 .Weltkrieges, also vergleichbarer Anlass wie unser Volkstrauertag - jedoch eine patriotischere Herangehensweise) und daher laufen hier nicht nur (fast) alle Leute mit angesteckten (Plastik-)Mohnblumen rum, sondern eben auch im Gottesdienst wird an die Soldaten gedacht, die ihr Leben fuer die Freiheit Kanadas gegeben haben. Fuer Deutsche wirkt das etwas fremd und ungewohnt. Doch hier wird auf grossen Plakaten und in Werbekampagnen darauf aufmerksam gemacht.
Apropos Feiertag: Am 31.10. war hier Halloween (aber kein Feiertag). In den Tagen zuvor haben viele Leute ihre Haeuser mit Grabsteinen, Skeletten, leuchtenden Masken, Spinnweben und natuerlich Kuerbissen "geschmueckt". Da hab ich als begeisterter (...nicht wirklich) Freund des Halloween-Festes schon mit dem schlimmsten gerechnet und war erfreut, als ich am 31.10. eigentlich gar nichts davon mitbekommen habe. Nur 2 Katzenfrauen begegnete ich in der Bahn und eine Gruppe von Vampirfrauen nahm ich erst wahr, als ich sah, dass sie sich nicht im Fenster spiegelten.
Ich hatte den Eindruck, dass in Deutschland mittlerweile dieses Fest mehr gefeiert wird als hier. Aber moeglicherweise ist das ja auch regional unterschiedlich. Dabei ueberkommt mich der Gedanke, dass heute in Deutschland zwar um jeden Feiertag gefeilscht wird, aber nur der freien Zeit wegen und das Gedenken an den eigentlichen Anlass, fuer den oft Menschen gelitten haben oder gar gestorben sind, weit mehr als nur in den Hintergrund geraet... Weshalb sollten uns "sinnfreie" Feiertage gewaehrt werden? Waere es nicht an der Zeit nach dem "warum" zu fragen? Dann wuerden die Feiertage in unseren Koepfen wieder ihre Daseinsberechtigung und mehr Sinnhaftigkeit zurueckgewinnen und wir muessten nicht in fremden Traditionen vergeblich danach suchen.
Genug der vielen Fragen. Es gibt ja noch so viele Ereignisse die berichten muesste. Und wieder bin ich an dem Punkt, dass ich noch ganz viel schreiben koennte, aber ich muss ja noch so viel erleben und habe nur noch eine Woche Zeit.
So zum Beispiel, dass zu meiner Uebrraschung im Fernsehen der Film "Der Untergang" (hier: "Downfall") lief, dass es hier Werthers Echte gibt (dafuer hab ich sogar schon Fernsehwerbung gesehen) und dass neben der "German Sausage" bei den Hot Dog Staenden auch noch das Modell "Oktoberfest" angeboten wird. Auf Rueckfrage um welche Wurst es sich beim "Oktoberfest" handelt: Schwein mit Kalb. Ist das auf dem Oktoberfest "Die Wurst der Wuerste"? Gibts irgendeinen Kenner des Oktoberfestes der dazu Stellung nehmen moechte? (Tom?)
Bei soviel Deutschland fuehlt man sich fast wie zu Hause. Bis ich aber wirklich wieder da bin, werde ich mich weiterhin ausgewogen mit Hamburgern von verschiedenen Anbieteren, Hot Dogs und Pizza (mit viel Kaese) ernaehren...
Zwischendurch habe ich ja noch Schule, muss Hausaufgaben machen und frage mich wie das mit dem Past Progressive funktioniert (fuer was braucht man soviele Zeiten in der Grammatik?)... ausserdem muss ich mich in englischer Konversation ueben und kanadisches Bier testen.
Wie ich mich jetzt auch noch kulturell weitergebildet habe, ob ich doch nochmal aus Toronto rausgekommen bin, von Orten wo es auch von unten regnet und vieles mehr, erfahrt ihr dann in meinem naechsten Bericht...

6 Comments:
Hi Benjamin,
ich werde Dich doch noch als Reisebuchautor vorschlagen :-))
Weiter so ... ich kann kaum aufhören zu lesen!
Wenn ich so Deine kanadischen Eßgewohnheiten lese, kann unsere Süßigkeitsschale nächste Woche ja getrost im Schrank bleiben ;-)
Weiterhin schöne Erlebnisse und viele Grüße von Deiner Lieblingskollegin
Hey Benjamin!
Schön mal wider was von dir zu hören...
Jetzt kannst du vllt (mal wieder) nachvollziehen, wie es ist in die Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen etc. *g*
Ich wünsche dir noch einen schönen Aufenthalt in Kanada und denke weiterhin an dich und lese auch deinen Blog :-)!!
Be blessed
Svenja
P.S.:Viele Grüße von Katrin!!
Schoen von Euch zu lesen!
Tja Svenja, ich kann Dich/Euch gut verstehen: Schule ist doof! Und Petra: Die Deutsche Schokolade ist einfach am besten! :-)
Habe gleich noch weiter Unterricht, aber schon bald (nicht heute!) gibts hoffentlich die naechsten Berichte.
Viele Gruesse auch an den Rest der Welt
Hi Benjamin. Schreib einfach öfter und kürzer. Ich finde es brutal spannend, überall in der Welt herumzulesen, allerdings muss es immer zwischen Tür und Angel passieren. Nenn es altmodisch "postmodern" oder "multiopti", aber ich stehe dazu, ein Kind unserer Zeit zu sein. Freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag und bin gespannt, ob ich ihn in ein, zwei oder drei Etappen lese... ;-)
Nicht traurig sein, ... nur weil man/frau sich mit Kommentaren zurückhält, heißt das nicht automatisch, dass der Blog nicht gelesen wird ! Es muss allerdings als Verfasser ein komisches Gefühl sein, nicht zu wissen, ob überhaupt jemand und wenn ja, wer wann und wo die Erlebnisse und Gedanken eines Blogs liest. Aber das ist wohl das Los eines jeden Bloggers ?
Mehr Kommentar gefällig ? Also gut: Danke von mir und allen 12000 Pensionären :-) für die interessante und amüsant geschriebene Lektüre. Kann man nicht das nächste Versorgungswerk etwas aufpeppen ?
Weiterhin "Hyvää matkaa" (ups, hatte doch bei meinem ersten Kommentar ein "a" vergessen - weil Partitiv - und keiner hat´s gemerkt; es ist schon eine Plage mit der Grammatik ...)
PS: Ich bin - meines Wissens - kein "lizensierter Online-Leser", kann aber trotzdem Kommentare schreiben.
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